„Zwischenstation Milano Centrale“

WDR 5

Der Hauptbahnhof von Mailand ist Anlaufpunkt für Flüchtlinge aus Syrien und Durchgangsstation auf ihrer Reise nach Norden. Die meisten Flüchtlinge, die in Italien landen, versuchen sich dorthin durchzuschlagen.

Redaktion: Anna Osius

Abdullah ist Anfang 20. Ein Student aus Homs in Syrien – auf der Flucht vor Terror und Gewalt in seiner Heimat. 6000 Dollar hat er für die Überfahrt bezahlen müssen. In einem kleinen Holzkahn übers Mittelmeer. Dann quer durch Italien. Jetzt ist er am Bahnhof in Mailand gelandet und will weiter nach Norden. „Deutschland oder Schweden. Mein Bruder lebt in Malmö. Aber da komme ich nicht hin. Weil man im Zug kontrolliert wird. Vor zwei Tagen hat mich die französische Polizei erwischt, also bin ich wieder hierher gekommen.“

Zentrum der Flüchtlinge

Der Mailänder Bahnhof ist das Zentrum der syrischen Flüchtlingsgemeinde in Italien. „Keiner bleibt hier länger als fünf bis sieben Tage“, sagt Manuela Brienza von der Stadt Mailand. Die versucht, so gut es geht, den Flüchtlingen zu helfen, bietet einen Platz zum Schlafen an, neue Kleidung, Rechtsberatung, falls jemand einen Asylantrag in Italien stellen will. Doch von den rund 45.000 Flüchtlingen, die in den letzten 24 Monaten in Mailand Station gemacht haben, wollten gerade einmal 50 Asyl in Italien. Für den übergroßen Rest ist die Stadt und ihr Bahnhof eine Durchgangsstation. „Diese Personen danken Italien für alle Hilfen. Aber sie haben einen sehr klaren Reise- Plan. Und sie verstehen nicht diese europäischen Asyl-Gesetze, Dublin III – das ist für sie reine Bürokratie.“

Nach den Dublin III Regeln müssten all diese Flüchtlinge in Italien bleiben, denn hier haben sie zum ersten Mal Boden der Europäischen Union betreten. Doch wer sich erfolgreich dagegen wehrt identifiziert zu werden, hat eine Chance weiterzureisen. Deshalb sind zurzeit deutlich mehr syrische Flüchtlinge in Malmö oder München als in Mailand. „Wir wollen nicht den Menschenhandel ankurbeln, wir können auch keine Zugtickets kaufen in ein Land, aus dem eine Person mit ziemlicher Sicherheit wieder ausgewiesen wird. Wir wollen niemandem etwas vormachen.“

Keine Polizei

Doch am Mailänder Hauptbahnhof hat man auch nicht den Eindruck, dass die italienischen Behörden mit besonderem Nachdruck die Flüchtlingsrouten quer durch Europa überprüfen oder gar blockieren. „Hier gibt es keine Polizei, die nach Dokumenten fragt“, sagt Sandrine. „Hier an unserem Stand werden sich nicht identifiziert.“ Sandrine betreut für die Hilfsorganisation Universiis einen Sammelpunkt für syrische Flüchtlinge im Bahnhofsgebäude. Sie kümmert sich um ein Nachtquartier, sie besorgt ein Paar Schuhe oder was zu Essen und hört sich die Geschichten dieser Menschen auf der Flucht an.

Reine Not

Zum Beispiel die Odyssee von Hussein aus Syrien, der zusammen mit 250 anderen Menschen in einem 10 Meter langen Boot von Libyen nach Italien fahren wollte. „Wir haben die Orientierung verloren, das GPS hat nicht mehr funktioniert. Wir sind drei Tage auf dem Meer getrieben. Wir waren kurz davor unterzugehen, im letzten Moment ist die Marine gekommen. Wir haben niemanden verloren.“

Andere hatten nicht so viel Glück. An der Wand neben dem Erste-Hilfe- Stand von Sandrine hängen Zettel mit Fotos, Telefonnummern, Namen. „Einige haben auf der Reise Familienmitglieder verloren“, erzählt Sandrine. „Und wenn sie dann hierherkommen fragen sie uns zu allererst, ob wir Informationen haben, ob wir wissen ob ihre Familie überlebt hat oder nicht.“

Oft sind die Verwandten in Deutschland, der Schweiz oder Schweden die einzigen Bezugspunkte für syrische Flüchtlinge in Europa. Auch deshalb ist Milano Centrale nur ein Durchgangsbahnhof auf dem Weg nach Norden.