S. Federici, Caliban und die Hexe

REZENSION

Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation

übersetzt von Max Henninger.
Wien (Mandelbaum) 2012
(Englische Ausgabe: Autonomedia 2004)
316 S., 26.90€

federiciSilvia Federici hat ein ganz außergewöhnliches Buch über die Subsumtion der Menschenkörper, der Reproduktion und der Arbeitskraft unter das Kapitalverhältnis geschrieben – über einen Prozess, der als Krieg gegen das Rebellische und als Krieg gegen die Frauen überzeugend dargestellt wird. Wir könnten dieses Buch als quasi zweiten Band zu Robert Bartlett´s Making of Europe lesen: Bartlett beschreibt das mittelalterliche Europa als Produkt der Gewalt des fränkischen Adels gegen die Kelten, die Sachsen und auf den Kreuzzügen. Federici beschreibt das neuzeitliche Europa als Produkt der Gewalt gegen den revolutionären Aufbruch der Unterschichten im späten 13. Jahrhundert, einer zunehmend sich verstaatlichenden Gewalt, die dem globalen Kapitalverhältnis im andauernden Krieg gegen die Bauern, gegen die Frauen und gegen die Kolonisierten zum Durchbruch verhilft. Der Staat konstituiert sich durch die Monopolisierung dieser Gewalt als Verwalter der Bevölkerungen, der Klassenverhältnisse und der Reproduktion der Arbeitskraft. Es ist diese Gewalt, der nichts heilig ist, die als konstitutiv und wesentlich für den europäischen Sonderweg begriffen werden muss – nicht nur als Geburtshelfer des Kapitals, wie Marx es in seinem berühmten Kapitel über die Ursprüngliche Akkumulation beschrieben hat, sondern als immanente Dimension des europäischen Rationalismus.

Aber der Reihe nach. Federici setzt in guter operaistischer Tradition die Revolte vor die Reaktion, und sicherlich ist die Brutalität, mit welcher die herrschenden Klassen, ein bigottes Bündnis von Adel, Bürgertum und Klerus, die Ursprüngliche Akkumulation in Gang brachten, nicht zu verstehen ohne die Vorgeschichte, dass die Entwicklung Europas am Ende des 14. Jahrhunderts an einem Scheideweg stand. Die Revolution war möglich, wie wahrscheinlich nie mehr seit diesem Zeitpunkt.

Der erste Abschnitt, der die sozialen Bewegungen im mittelalterlichen Europa beschreibt, ist eine überaus gelungene Zusammenfassung jenes Zyklus der Jahre zwischen etwa 1350 und 1450, den Fernand Braudel als „Goldenes Jahrhundert des europäischen Proletariats“ bezeichnet hat. Dem Schwarzen Tod waren 30 – 40% der europäischen Bevölkerungen zum Opfer gefallen. Aber diese Katastrophe hatte zugleich die sozialen Hierarchien und die Disziplin unterminiert und zu einem Ende der Leibeigenschaft und somit zu einer epochalen Krise der feudalen Ökonomie geführt. Anders als es heute bei AIDS und Ebola der Fall ist, war die Schwarze Pest ein Gleichmacher. Der Rückgang der Bevölkerung stärkte den alltäglichen Krieg der Bauern gegen die Feudalherren, die städtischen Kämpfe der Handwerker und Taglöhner, die millenarischen und häretischen Bewegungen, aber ganz wesentlich auch die zunehmende Mobilität der ländlichen Bevölkerungen. Das Eindringen des Cash-Nexus hatte auf dem Land zu einer sozialen Differenzierung – sprich: zur Entwicklung einer Armutsbevölkerung – geführt, die nun grenzenlos vagabundierend durch die Lande und in die Städte zog und ihre sozialen Ansprüche präsentierte. Federici betont, dass die Mehrzahl der Flüchtigen, die sich in den Städten ansiedelten, Frauen waren, die sich unterhalb des etablierten Bürgertums eine in gewissem Maß autonome Reproduktionsbasis erobern konnten. Blicken wir heute nach Lateinamerika, sind die Verhältnisse vielleicht vergleichbar.

Zweifellos hat diese Exposition der Frauen, verbunden mit einem massiven Anstieg der Prostitution, dazu beigetragen, dass die Frauen in der Krise zum Angriffsziel deklassierter Männlichkeit wurden, und dass sich diese Männlichkeit auch in den Unterschichten als aggressiv konstituierte – ein Vorgang, wie er heute bei den Glaubenskriegern in Westasien ähnlich zu beobachten ist. Es reichte schon aus, Vergewaltigungen nicht mehr zu verfolgen, um einen tiefen Spalt zwischen den Geschlechtern in den Unterschichten zu erzeugen. Die Entwertung der Frauenarbeit und die Kontrolle der Reproduktion waren, in Federicis Darstellung, wesentliche Momente, Arbeitskraft überhaupt verfügbar zu machen. Neben dem Raub war, so Federici im zweiten Abschnitt ihres Buches, die Mobilisierung von Arbeitskraft quasi das Leitmotiv der Ursprünglichen Akkumulation – durchgesetzt mittels Krieg, Gewalt und Zwang.

Federici beschreibt zunächst die Einhegungen, also die Vertreibung der Landbevölkerung und somit Trennung von ihren Subsistenzmitteln, und sodann die Preisrevolution der Jahre um 1600: den historischen Einbruch der Reallöhne um 2/3 (und zugleich der Frauenlöhne von 50% auf 30% der Männerlöhne). Die Speicher waren voll, Geld gab es mehr denn je, aber die wenigsten hatten genug Geld, um Korn zu kaufen. Armut und Hunger breiteten sich aus, und mit ihnen Brotunruhen und Aufstände, so wie Migrationen, Vagabundentum und eine allgemeine Verbreitung von Eigentumsdelikten. Federici zitiert Peter Blickles Buch über die „Revolution des Gemeinen Mannes von 1525“, aber sie streift nur den ausgreifenden Klassenkonflikt des 17. Jahrhunderts, wie er für England bei Christopher Hill nachzulesen ist, und was Frankreich betrifft, möchte man auf B. Porschnews Buch über die Volksaufstände in Frankreich vor der Fronde gern verweisen. Die Unterschichten hatten, anders als noch 100 Jahre zuvor, ihre Subsistenzbasis vielfach schon verloren und sie hatten zunehmend starke Gegner, wozu in erster Linie die stehenden Heere der territorialen Machthaber gehörten, von Cromwell über Mazarin bis Wallenstein. Auf die Rolle des Dreißigjährigen Kriegs, der in Zentraleuropa ein wesentliches Medium der Aufbrechung und Zerstörung der Reste alter Gesellschaftlichkeit war, geht Federici überhaupt nicht ein. Wallenstein war, das kann man schon bei Golo Mann nachlesen, ein Schlächter und zugleich ein lupenreiner Unternehmer, wie vor ihm Fugger und nach ihm Rathenau. Die Reaktion auf den Widerstand waren Krieg, Terror, Arbeitshäuser und Galgen. Der Krieg zwischen den mobilen und „arbeitsscheuen“ Unterschichten und den Herrschenden setzte sich bis in das 18. Jahrhundert fort. Die Bäuer*innen wurden nicht deshalb zu guten Arbeitern, weil sie ausgehungert waren, oder die Sklav*innen, weil sie ausgepeitscht wurden. Der Abscheu gegen die Arbeit – egal ob Lohnarbeit oder Sklavenarbeit – war in den Unterschichten noch bis weit in das 19. und 20. Jahrhundert eine Konstante. Alle versuchten nach Möglichkeit, dieser Entwürdigung zu entfliehen.

Die demographische Krise der 1620er und 30er Jahre war die erste Weltwirtschaftskrise der Neuzeit, und sie hatte die Vernichtung der amerikanischen Urbevölkerung und die Aushungerung der europäischen Bevölkerung gleichermaßen zur Ursache. Der überseeische Sklavenhandel und Unterwerfung der europäischen Frauen waren, so Federici, gleichermaßen eine Reaktion auf diese Krise, die letztlich auf dem Mangel an Arbeitkraft beruhte. Es entwickelte sich eine territorialstaatliche „Biopolitik“, wobei es wesentlich um die Entwertung der weiblichen Arbeit, der Reproduktionsarbeit und der Sexarbeit ging. Federici benutzt den Foucaultschen Begriff, aber sie wirft Foucault zugleich vor, dass er seine Überlegungen am Pastoralen entwickelte, während draußen der Krieg tobte und die Hexenfeuer loderten. Fast könnte man sagen, dass im Foucaultschen Denken eine Komplizenschaft liegt, nicht unähnlich der Komplizenschaft der männlichen Arbeiter bei der Entwertung der weiblichen Arbeit und der Frauen selbst. Auf den Zusammenhang allerdings zwischen der Gründung der Territorialstaaten mit der Zurichtung der Männer und der Unterodnung der Frauen geht Federici nicht weiter ein. Die territoriale Einschließung der Bevölkerung war aber vielleicht die wichtigste Bedingung für die Systematisierung des Arbeitszwangs, die dem Kapitalismus vorausging.

Dass Silvia Federici einige Jahre in Nigeria verbracht hat, hilft ihr, die Parallelen zwischen der Ursprünglichen Akkumulation in Europa und den Kolonien sowie im heutigen globalen Zusammenhang deutlich nachzuzeichnen, ähnlich wie auch Linebaugh/Rediker in Vielköpfige Hydra (sie alle haben nicht nur bei Marx, sondern auch bei Hill und Thompsen, Wallerstein und den Operaisten gelernt – wie sich zeigt, eine überaus produktive Mischung). Federici besteht natürlich zu Recht darauf, dass die Durchsetzung des Arbeitszwangs und einer neuen geschlechtlichen Arbeitsteilung in Europa nicht begriffen werden kann ohne die gleichzeitige Vernichtung der amerikanischen Urbevölkerung und ohne den afrikanischen Sklavenhandel. Aber dieser Zusammenhang ist nicht allegorisch oder analog, sondern, denke ich, von vornherein konstitutiv. An dieser Stelle ist eine weitere, systematische Arbeit notwendig, wofür es notwendig wäre, Wallerstein „von unten her“ zu lesen und aus einem Systemkonstrukt die Spuren hervorzulocken, die das „Weltsystem“ als ein globales Feld der Kämpfe begreifbar machen. Federici indes bleibt bei ihrer Beschreibung in diesem Punkt eher im Anekdotischen stecken, sie formuliert einen Auftrag, wie dies bei Linebaugh und Rediker ähnlich auch der Fall ist. Ob uns Allegorien wie „Frauen als neue Allmende“ und „Frauen als die Wilden Europas“ für diesen Auftrag wirklich weiterhelfen, sei dahingestellt. Das erinnert an die Slogans der Bielefelder Feministinnen aus den 70er Jahren – immerhin haben uns die Bielefelderinnen ja damals auch einiges Wesentliches vermittelt. Mir scheint das „Patriarchat des Lohns“ heute noch am besten begründet. Es hat natürlich mit den heutigen Differenzen zwischen den Frauen im globalen Norden und denen im globalen Süden zu tun, dass ich die Allegorien zum Thema Frau in der oben genannten Form nicht akzeptieren möchte.

Federici betont, dass die Konstitution des Kapitalverhältnisses nicht nur, wie bei Marx und Weber, vom Ende her interpretiert werden sollte, sondern als Resultat eines Kampfs gegen die rebellischen Körper, wozu die Konzeptualisierung des Körpers als willensgetriebene Arbeitsmaschine gehört. Dies hat einen Widerschein in der mechanizistischen Philosophie bei Descartes, der die Herrschaft der Selbstführung und die Unterwerfung des Körpers postuliert, und in anderer Form bei Hobbes, der den Menschen eher als Reflexwesen begreift, welches einer dauerhaften staatlichen Kontrolle unterworfen werden muss. Es wird ein Konflikt zwischen der Vernunft und den Leidenschaft konstruiert, wobei Begriffe aus der „politische(n) Bilderwelt des Staatskörpers“ zunehmend für die Darstellung der inneren Auseinandersetzungen zwischen Körper und „Geist“ verwendet werden.

Nach ihrem Ausflug in die Philosophie kommt Federici zu einem Kernthema des Buchs, zur Hexenverfolgung, und sie beschreibt diese als konstitutiven Faktor in der Entwicklung des modernen Proletariats. Konstitutiv, weil sie ein Fundament für die Herrschaft der Männer, und prospektiv auch der Lohnarbeiter, über die Frauen war. Federici betont den staats-getriebenen, politischen Charakter der Hexenprozesse, die konfessionsübergreifend in weiten Teilen Europas um sich griffen. Sie waren quasi ein Gründungsakt des Strafrechts und der Öffentlichen Anklage, und in ihrer Funktion dem Antiterrorismus der heutigen Zeit nicht unähnlich. Federici beschreibt das von Krisen, Preissteigerungen und Brotrevolten geprägte Klima zwischen 1580 und 1650 – der Jahre, in denen die Hexenverfolgungen ihren Höhepunkt hatten und in denen die europäischen Eliten ein vitales Interesse daran hatten, bestimmte in den Unterschichten fortlebende Verhaltensweisen und Praktiken auszuradieren, die Sexualität zu disziplinieren und die Reproduktion der Bevölkerungen staatlich zu kontrollieren. Federici setzt sich dabei souverän mit verschiedenen mehr oder weniger steilen Thesen zum Thema auseinander, so mit Merchants Rekonstruktion des Zusammenhangs zwischen dem Aufstieg der Wissenschaften und der Hexenjagd, die immerhin vieles für sich hat, oder mit Mutmaßungen über das geheime Wissen der Hexen. Hierzulande hat vor 30 Jahren das Buch von Heinsohn und Steiger über den Zusammenhang von Hexenverfolgung und Bevölkerungspolitik Furore gemacht – insbesondere war der Hinweis auf Jean Bodin als Bindeglied zwischen Hexenjagd und merkanilistischer Bevölkerungspolitik wichtig. Aber das Buch litt stark unter Übertreibungen – insbesondere wurde im Rückgriff auf fragwürdige sekundäre Quellen eine Millionenzahl von Hexenverbrennungen behauptet, während die Historiker heute von 3 Millionen Hexenprozessen ausgehen, aber eine Zahl zwischen 40 und 60 Tausend Opfern in Europa für realistisch halten. Federici gibt auch den bevölkerungspolitischen Dimensionen der Hexenverfolgung ihren Raum, aber ohne sich auf Zahlenspiele einzulassen. Ihr Argument über den Zusammenhang zwischen der Ursprünglichen Akkumulation als einer globalen Transformationskrise, dem Widerstand der Unterschichten und dem Angriff auf die Frauen vermag sie überzeugend darzulegen.

Dennoch bleibt ein Unbehagen. Die Zahl der Hexenverbrennungen im Hl. Röm. Reich wird auf 25 Tausend geschätzt. Dem Dreißigjährigen Krieg fielen zur gleichen Zeit zwischen 30 und 40% der Bevölkerung zum Opfer bei einer Bevölkerung von 16 Millionen – die Bedeutung des Kriegs für die Ursprüngliche Akkumulation und Neuordnung der Bevölkerung kann kaum überschätzt werden. Es handelte sich um die Inszenierung eines „Gewaltraums“, in dem sich die Männer bewaffneten und die Frauen zur Beute wurden. Aber nicht nur das: Wir sprechen hier über die Jahre der „Military Revolution“, wobei es nicht nur um neue Kriegstechnologie ging, sondern um die Verwaltung und Zentralisierung der Kriegshaushalte eine neue Bürokratie, ein Personalwesen. Die Technologien entwickelten sich dann sekundär, Gewalt und Wille zur Macht waren der prime mover – und natürlich der fortgesetzte Widerstand der Unterschichten gegen das System des Arbeitszwangs. Das ist etwas, was wir bei Marx nicht nachlesen können, aber schon bei Maurice Dobb.

Das Buch reflektiert die Rolle der Hexenprozesse bei der Domestizierung der Frauen, aber nicht die Rolle des Kriegs und der Staatsapparate. Eine ähnliche Argumentation würde ich gegenüber den Hexenverfolgungen heutzutage in Asien, Afrika und Südamerika vorbringen. Federici hat diesem Thema ein Schlusskapitel gewidmet und sie hat das Thema in einem späteren Aufsatz noch einmal vertieft (SozialGeschichteOnline 3/2010). Zweifellos resultieren die heutigen Hexenverfolgungen aus der Zerstörung kommunaler und verwandtschaftlicher Beziehungen und sie haben etwas mit Strukturanpassung zu tun. Aber Afrika erlebt derzeit einen Dreißigjährigen Krieg mit all seinen Folgen, wovon doch zu allererst die Rede sein müsste. Außerdem sollten wir darüber nachdenken, dass Hexenkraft in Afrika nicht nur von der Seite der Verfolgung her diskutiert werden darf. Mehr als die Hälfte der Menschen in Schwarzafrika glauben an Hexenkraft und dieser Glauben ist Rückversicherung und Regulativ der Verwandtschaftsbeziehungen, wie P. Geschiere es in Modernity of Witchcraft beschrieben hat – also ein ambivalentes, aber doch wesentliches Moment der Selbstorganisation.

Alles in allem hat Silvia Federici eine hervorragendes Buch vorgelegt, das zu vielen Nachfragen und Diskussionen Anlass gibt. Es ist zudem ein reich und treffend illustriertes Buch und die Übersetzung liest sich flüssig. Das Buch beschreibt einen historischen Zyklus der Gewalt, der mit den Goldenen hundert Jahren des europäischen Proletariats beginnt und der mit einer demographischen Krise und der territorialen Eingehung der Bevölkerungen endet, begleitet von einer kolonialen Expansion und mit ihr korrespondierend. Vom Kapitalismus sind wir zu diesem Zeitpunkt aber noch sehr viel weiter entfernt, als man es bei der Lektüre manchmal annehmen möchte. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich das soziale Spannungsfeld, aus welchem das Zeitalter der Revolutionen und der Aufstieg des Kapitalismus resultierte. Ein vorher nie gekannter, geradezu rätselhafter Anstieg der Bevölkerungszahlen und der sozialen Erwartungen war das soziale Fundament dieses nächsten Zyklus. Vielleicht eine Rache der Frauen, bevor sie in den Doktrinen der Aufklärung und des Kapitals neuerlich unterworfen wurden?